Der Widerspenstigen Nicht-Zähmung: Großbritannien, die EU und der Brexit

Die Geschichte der Beziehung zwischen Großbritannien und der EU erzählt von ausdauerndem Werben und vielfacher Zurückweisung. Wie in vielen guten Liebesgeschichten – man denke nur an Jane Austens Pride and Prejudice - haben sich die Vorzeichen der Partner im Verlauf der Beziehung durchaus auch umgekehrt. Was die Sachlage nicht einfacher machte.

Gabriel Rath hat nun in seinem Buch Brexitannia. Die Geschichte einer Entfremdung die Daten dieser wechselhaften Beziehung akribisch zusammengetragen und analysiert. Durchaus mit Gewinn, ist Gabriel Rath doch Londoner Korrespondent der österreichischen Tageszeitung Die Presse und hat damit den Vorteil, ein distanzierter Insider zu sein.

Rath verpackt seine Ursachenforschung in einen Prolog und acht Kapitel, die mit (bisweilen) amüsanten Songtiteln wie „You can’t always get what you want“ überschrieben sind. Tatsächlich zeigte sich Großbritannien in den viele Jahre dauernden Beitrittsverhandlungen als arg widerspenstige Braut mit zahlreichen Sonderwünschen. Weshalb Frankreich unter Charles de Gaulle dem ‚perfiden Albion‘ den europäischen Gedanken nicht abnahm und ihm zweimal den Eintritt in die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft EWG, der Vorgängerin der EU, verweigerte.

Die Briten waren fraglos stark bis vornehmlich an wirtschaftlicher Zusammenarbeit interessiert und profitierten seit ihrem Beitritt 1973 massiv von ihr. Doch schon 15 Jahre später forderte Premierministerin Margaret Thatcher eine Eindämmung der EWG-weiten supranationalen Reglementierungen, die die Briten zuvor unter Labour im Sinne einer „sozialen Dimension“ maßgeblich mitgestaltet hatten. Und dies ist der Moment, in dem sich der erste Riss auftut: Innerhalb der Konservativen verhärteten sich die Lager von EU-Gegnern und -Befürwortern und führten zu starken Verwerfungen innerhalb der Partei. Laut Rath machte auch Premier David Cameron den EU-Gegnern zu viele Zugeständnisse und stärkte sie dadurch: Großbritannien war aufgrund der Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008 in einer tiefen Rezession gefangen. Der Staatsapparat erfuhr massive Einschränkungen, die Bevölkerung musste schmerzhafte Verluste ihrer Reallöhne hinnehmen. Die Banken jedoch wurden gerettet, die Verursacher der Bankenkrise – die nicht nur durch ein fehlerhaftes System, sondern auch durch menschliche Gier entstanden war – kamen mit leichten Prellungen davon. Regierungsabgeordnete machen durch extrem hohe Zuwendungen und absurde Spesenskandale von sich reden. Und weiterhin kamen – aufgrund des EU-Prinzips der Personenfreizügigkeit – immer weiter Menschen aus Osteuropa, um in Großbritannien zu arbeiten. Und dies nicht selten im Billiglohnbereich, was wiederum zahlreiche Fragen nach staatlichen Zuschüssen für Geringverdienende (tax credits, letzten Endes eine Bezuschussung der Wirtschaft durch die Steuerzahler) oder Sozialleistungen wie Kindergeld (auch wenn der Nachwuchs bei den Großeltern in Osteuropa lebte) nach sich zog.

Genug Umstände, die genauer zu hinterfragen und möglicherweise zu korrigieren gewesen wären. Und auch dies listet Gabriel Rath unter dem Begriff Eliteversagen auf: Es habe eine massive Beeinflussung der öffentlichen Meinung durch „schamlose Manipulationen“, durch „Instrumentalisierung willfähriger Medien“ sowie durch Einschüchterung kritischer Berichterstattung“ gegeben. Gabriel Raths Herz schlägt eindeutig für den Verbleib Großbritanniens innerhalb der EU. Dennoch zeigt er, wie stark die Briten durch mehr oder weniger geschönte – oder verschleierte – Gewinn- und Verlustrechnungen beeinflusst wurden. Und zwar von beiden Seiten, von den EU-Gegnern wie Ukip ebenso wie von den Befürwortern der EU. Es sei eine Mischung aus Eliteversagen, Wertewandel, Globalisierung und stetig wachsender Ungleichheit, durch die eine Mehrheit der britischen Bürger sich seit Jahren von der Politik links liegen gelassen sehen, konstatiert Rath. Zugleich mache die britische Politik die EU seit langem für alles verantwortlich, was im eigenen Land schiefgeht. Zutrauen und Loyalität zur Europäischen Union zeigen und fördern sieht anders aus. Die klassische Politik sei diesen Zeiten radikaler Umbrüche, die ja keineswegs nur in Großbritannien stattfinden, nicht gewachsen – und verliere die Wählerschaft an jene Populisten, die mit einfachen Antworten auf komplexe Fragen aufwarteten und damit die eingängigeren Schlagworte nutzen könnten.

Doch womöglich ist das letzte Wort noch nicht gesprochen, der letzte Twittereintrag noch nicht gesendet. Und auf eines können wir uns sicherlich verlassen: Die Briten werden ihren GSOH, ihren „good sense of humour“ nicht verlieren. Das in der EU verbleibende Europa könnte ihn dereinst jedoch bitterlich vermissen...

Gabriel Rath
Brexitannia - Die Geschichte einer Entfremdung.
Warum Großbritannien für den Brexit stimmte.
Braumüller Verlag, Wien 2016
ISBN 9783991001966
Gebunden, 208 Seiten, 20,00 EUR

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