Funktionswandel der Kunst

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Die Kunst der Gegenwart ist ein neues Instrument, ein Instrument der Modifizierung des Bewusstseins und zur Entwicklung neuer Formen des Erlebens.“ (1), schrieb die amerikanische Kulturwissenschaftlerin Susan Sontag 1965. In ihremAufsatz „Die Einheit der Kultur und die neue Erlebnisweise“ verweist Sontag zudem auf die radikale Erweiterung der Mittel zur Ausübung von Kunst. Stetes Hinterfragen von Darstellungsmitteln und die Entdeckung und Nutzung neuer Materialien und Methoden aus der Welt der Nicht-Kunst (industrielle Technik ebenso wie soziale und kommerzielle Prozesse und Ansätze) hatten zur Auflösung zahlreicher Grenzen geführt – sowohl jener zwischen den einzelnen künstlerischen Gattungen als auch zwischen Massenkultur, Ernst und Unterhaltung. Gleichzeitig wich der ‚individuelle künstlerische Ausdruck‘ einem un-, bzw. überpersönlichen Charakter: konzeptueller Ansatz, Gruppenproduktion, Idee statt Fingerabdruck. Das Kunstwerk wurde so zum (nutzbaren) Objekt, statt individueller Ausdruck einer Künstlerpersönlichkeit zu sein.

In ihrer Kritik der ‚zwei Kulturen‘ verneint Susan Sontag energisch die Möglichkeit einer Trennung zwischen Naturwissenschaft und Technik einerseits und Kunst andererseits, ebenso wie Trennung zwischen Kunst und gesellschaftlichem Leben. „Kunstwerke, psychologische Formen und gesellschaftliche Formen reflektieren sich wechselseitig und verändern sich miteinander.“ (2) Die Zurücknahme der diskursiven Ausdrücklichkeit des Kunstwerks durch diese Arbeitsweise sieht Sontag ersetzt durch eine unterschwellige Wirksamkeit durch eigenes Erleben, durch die (sokratische) Integration des Rezipienten, der angehalten ist, Fragen statt Antworten zu finden.

Hierdurch gelingt es der Kunst, Fehlstellen auszugleichen: „Man kann sagen, dass der westliche Mensch spätestens seit der industriellen Revolution unter einer massiven Betäubung der Sinne steht (eine Begleiterscheinung dessen, was Max Weber die ‚bürokratische Rationalisierung‘ nennt) und das die moderne Kunst wie eine Schocktherapie wirkt, durch die unsere Sinne verwirrt und zugleich geöffnet werden." (3)

Sontag konstatierte damit eine Veränderung der Funktion von Kunst. Nicht zuletzt waren hiermit die Äußerungen von Fluxus gemeint, in denen der Kunst eine entscheidende Rolle innerhalb des sozialen Lebens zugeordnet wurden. Angetrieben von den ehrgeizigen, bisweilen nahezu utopischen Vorstellungen eines George Maciunas konnte Fluxus nicht umhin, Theorie und Praxis innerhalb des Kunstbereichs selbst zu revolutionieren. Fluxus manifestierte sich – wenn auch mit lockeren Organisationsstrukturen - als ein Programm, das fortschrittliche Ideen, Aktivitäten und Verbindungen auf eine fundamentale Neudefinition des Kunstbegriffs ausrichtete. Der Ansatz, die vorhandene Trennung zwischen den künstlerischen Disziplinen, wie auch zwischen Kunst und Leben aufzuheben, entsprach dabei durchaus einer Tendenz der Zeit. Die Idee des Fluxus gewann daher einen großen Kreis von Anhängern und Sympathisierenden und erhielt so die Funktion eines Treffpunkts und Filters für die verschiedenen Manifestationen künstlerischer Arbeitsweise und führte zwangsläufig zu einem interdisziplinären, ja intermedialen Ansatz.

Die Kreativität des Menschen, entscheidende Voraussetzung für die Kunst, sollte für die Gesellschaft nutzbar gemacht, Kunst für jeden bezahlbar, insbesondere aber verständlich sein, was durch einen hohen Unterhaltungswert der Fluxus Events erreicht werden sollte. George Maciunas, Antriebsfeder, Theoretiker und Organisator der ‚Bewegung‘ bezog sich in seiner Interpretation von Fluxus nicht nur auf dessen immanenten fließenden Übergang der künstlerischen Disziplinen, sondern sah stets auch dessen gesellschaftsbezogenes Element des Fluktuierens zwischen Künstler und Publikum. Die künstlerischen Äußerungen von Fluxus geschahen in aller Regel öffentlich; in Aktionen, Konzerten und Events wurde das Publikum stets direkt angesprochen und einbezogen. Kunst sollte, so die Forderung Maciunas, öffentlich stattfinden, antielitär sein - und durchaus auch unterhalten. Damit wurde der öffentliche Raum entdeckt; Cafés, Schulen, Kinos, Bahnhöfe, Sportarenen oder die Plätze und Straßen der Stadt wurden Ort der künstlerischen Interventionen.

 

(1) Susan Sontag: Die Einheit der Kultur und die neue Erlebnisweise (1965). In Susan Sontag: Geist als Leidenschaft. Ausgewählte Essays zur modernen Kunst und Kultur, Leipzig und Weimar, o.J., S. 63-72, zit. S.63

(2) Ebda., S. 66

(3) Ebda., S. 70


(aus: Regina Bärthel, "No pushing around. Zugriffe aufs Alltägliche." In: René Block, Regina Bärthel, 40 Jahre - Fluxus und die Folgen, Ausstellungsdokumentation, Wiesbaden 2002.)

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