Der öffentliche Raum – wo, wer und wie?

Kategorien:

Raus aus den Institutionen – das war in den 60er Jahren der Anspruch eines großen Teils der Kunstwelt. Mit revolutionärem Anspruch sollte die Kunst dem Bildungsbürgertum und ihren reinlichen Räumen entrissen und den Menschen „auf der Straße“ nahe gebracht werden. Auf vielfältige Weise widersetzte man sich den verkrusteten Ordnungsgefügen, attackierte den tradierten Kunst“geschmack“ und versuchte, die Kunst allen Menschen erreichbar und zugänglich zu machen.

 

Diesem sozial engagierten Wunsch folgte dann eine Periode der „Kunst im öffentlichen Raum“ als gut gemeinte Stadtverschönerung. Diese Phase hat – neben zahlreichen interessanten wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit dem Thema – einige Wunden hinterlassen. Sowohl bei der Kunst, als auch bei den Nutzern der bespielten (oder besetzten?) Räume; den Menschen auf der Straße.

Doch die Kunst im öffentlichen Raum existiert weiterhin, war um die Jahrtausendwende sogar wieder besonders lebendig. Allerdings hat sie sich verändert, hat sich von der Rebellin zur Gesprächspartnerin entwickelt. Diese Entwicklung geht einher mit einer Veränderung des Begriffs vom Raum, wie auch von Öffentlichkeit.

 

Definiert man den Raum nach seinen physischen Qualitäten, wird er im Idealfall von Wänden, einer Decke und einem Boden begrenzt. Innerhalb des Kunstkontexts wäre dies der klassische „White Cube“, der die in ihm präsentierte Kunst, welche sich nach seinen Grenzen ausrichtet, umschließt. Diese „Ideologie des Galerieraums“, die eine umfassende Neutralität des Umraums zur ungestörten Entfaltung des Kunstwerkes suggeriert, untersuchte Brian O‘ Doherty: „Sie [die ideale Galerie] schirmt das Werk von allem ab, was seiner Selbstbestimmung hinderlich in den Weg tritt. Dies verleiht dem Raum eine gesteigerte Präsenz, wie sie auch andere Räume besitzen, in denen ein geschlossenes Wertesystem durch Wiederholung am Leben erhalten wird. Etwas von der Heiligkeit der Kirche, etwas von der Gemessenheit des Gerichtssaales, etwas vom Geheimnis des Forschungslabors verbindet sich mit schickem Design zu einem einzigen Kultraum der Ästhetik.“ (1) Im Außenraum, in dem diese genau definierten Grenzen fehlen, wird das Kunstwerk selbst zur Definitionsgrundlage des Raumes. Es bildet hier das Zentrum des von ihm besetzten Raums, der sich bis an die Grenzen seiner Sichtweite ausdehnt. Vorausgesetzt, dass das Kunstwerk vom Betrachter auch bemerkt, wahrgenommen wird – eine weitere Facette im Spiel um Kunst und Öffentlichkeit.

 

Hat man schon in dieser Prämisse einen kleinen Verweis auf die Bedeutung der Handlung für die Konstituierung eines Raums, wird der Raum seit einigen Jahren immer mehr um seine sozialen Implikationen erweitert; der physische (Ausstellungs-)Raum wird weitreichenderen kulturellen, gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Aspekten geöffnet. Dies basiert zum großen Teil auf einer spätestens seit Beginn der 90er Jahre verstärkt auftretenden Institutionskritik sowohl innerhalb der bildenden Kunst wie auch der Kunsttheorie. Hierbei wird nicht nur der Ausstellungsbetrieb – mit seinen kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Implikationen - als solches kritisch hinterfragt, sondern auch die Frage nach dem Ort, dem Raum an sich.

Erweitert werden die unterschiedlichen Konzepte des physikalischen und institutionellen Raums vom „sozialen Raum“; einem Ort, der sich nicht an seiner Hardware aus Mauern und Begrenzungen festmachen lässt, sondern durch die Software der sozialen Strukturen. Pierre Bourdieu definiert den sozialen Raum mit großer Prägnanz: „Der soziale Raum weist die Tendenz auf, sich mehr oder weniger strikt im physischen Raum in Form einer bestimmten distributionellen Anordnung von Akteuren und Eigenschaften niederzuschlagen.“ (2) Mit dem sozialen Raum verschiebt sich die Verortung des Raumbegriffes von dem eines physischen Gebildes hin zu einem im ständigen Wandel begriffenen, auf sozialen Strukturen und Interaktionen beruhenden: Von der Architektur zum Prozess, vom Gebäude zum Handlungsraum.

Der öffentliche Raum definiert sich in den genannten Beispielen als ein Ort des Zusammentreffens zwischen (Kunst-)Objekten und wahrnehmenden (Betrachter-)Subjekten. Dabei bleibt der Kontakt zwischen Subjekt und Objekt selten eingleisig, sondern es entsteht – je nach Reaktionsverhalten des Betrachters – eine Wechselwirkung zwischen Betrachter und Kunstwerk. Das Subjekt wird so vom passiven Betrachter zum in die Situation integrierten Bestandteil, zum Interaktionspartner. Nicht selten schwingt hierbei eine Möglichkeit zur (Selbst-)Erkenntnis, fast immer eine neue Form von Wahrnehmungsmöglichkeiten oder –angeboten mit. Letztere äußert sich vorzugsweise in einer nur graduellen Verdeutlichung bereits latent vorhandener Qualitäten, die durch eine leise Verschiebung, Rekontextualisierung dessen, was bereits vorhanden ist, verdeutlicht werden. Immer wieder stößt man hierbei auf die Erfahrung des Erstaunens, des Witzes in seiner Mischung aus Scharfsinn und Humor.

 

(1) Brian O'Doherty: In der weissen Zelle/ Inside the White Cube, 1996 (Original: 1976), S. 9–11:

(2) Pierre Bourdieu: Physischer, sozialer und angeeigneter physischer Raum. In: Wentz, Martin (Hg.): Stadt-Räume. Frankfurt/M. 1991, S. 25-34, zit. S.26.

 

(aus: Regina Bärthel, "No pushing around. Zugriffe aufs Alltägliche." In: René Block, Regina Bärthel, 40 Jahre - Fluxus und die Folgen, Ausstellungsdokumentation, Wiesbaden 2002.)

Zu lorem ipsum