Dekontaminiert: "Gift" im Deutschen Theater, Berlin

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Im Dialogstück „Gift“ der niederländischen Autorin Lot Vekemans trifft ein Paar nach über zehn Jahren Trennung erstmalig wieder aufeinander. Zeit zur Aufbereitung der Trennung – doch wer hier einen verbalen Rosenkrieg mit florettgleich geführten Sätzen und ätzenden Sottisen vom Tempo einer Jasmina Reza erwartet, liegt falsch.

 

Der Warteraum der Friedhofsverwaltung - ein containerartiger Raum mit grauen Wänden, weißen Normstühlen, Wasserspender und Kaffeeautomat – ist der Begegnung angemessen. Das Bühnenbild vermittelt die Tristesse eines unwirtlichen Ortes, der von Kälte, Entbehrung und Verlassensein zeugt. Seit zehn Jahren hatten Sie (Dagmar Manzel) und Er (Ulrich Matthes) keinen Kontakt, nun sollen – vorgeblich – praktische Dinge geklärt werden: Da das Erdreich des Friedhofs durch giftige Substanzen kontaminiert sei, müsse das Grab des Sohnes umgebettet werden, hatte Sie Ihm geschrieben. Es war dieser nicht zu verkraftende Unfalltod des Kindes, der zur plötzlichen Trennung des Paares führte – in der Nacht zum Millenniumswechsel ging der Mann ohne Wort, nicht aufgehalten von der Frau: „Erst haben wir unser Kind verloren, dann uns selbst und schließlich einander.“

 

Der Tod des Kindes, zwei Menschen, zwei Wege, mit dem Verlust umzugehen. Er ließ alles hinter sich, wandte sich einem völlig neuen Leben zu, während Sie sich in Trauer und Selbstaufgabe häuslich eingerichtet hat. Dementsprechend gibt Er sich nun gefestigt und kommunikationsbereit, Sie hingegen agiert mit sarkastischen Angriffen und Tränen. Auch wenn diese Charakterisierung es an Grautönen fehlen lässt, ermöglicht sie großartige schauspielerische Momente: Wenn Dagmar Manzel in einer Geste zwischen Kindlichkeit und schierer Verzweiflung Schokolade in sich hinein stopft; halb beugt sie sich über die von ihrem Exmann ergatterte Süßigkeit, sie abschirmend. Da muss doch etwas sein, das mir zusteht, das halte ich fest, verleibe es mir voller Gier ein... (Leider schließt sich an diese Szene ein wenn auch wahrer, so doch eher unorigineller Diskurs über Süchte an.) Oder wenn Sie, die Gedrückte, Gebeugte, voller plötzlich wieder erwachendem jugendlichen Übermut von ihrem Trick erzählt, mit dem sie ihren Exmann zu diesem Treffen lockte (Die angeblich notwenige Umbettung des toten Sohnes war lediglich eine Finte). Ulrich Matthes wiederum gibt den verständnisvollen Ex-Partner, zeigt sich stark trotz seiner Verletztheit, brüllt wohl auch einmal bis zur Zornesröte nach kurzem Handgemenge.

 

„Gift“ bringt ein mehr oder weniger klassisches Beziehungsthema mit psychologischem Realismus auf eine mit allen Elementen einer tristen Realität bestückten Bühne. Realitätsnah auch die Dialoge, denen glücklicherweise das Pathos gänzlich fehlt – aber auch eine gewisse sprachliche Raffinesse oder inhaltliche Vielschichtigkeit. Regisseur Christian Schwochow, bekannt für seine Verfilmung von Tellkamps „Der Turm“, ist bei seinem Theaterdebut auf Nummer sicher gegangen: Bei dieser Inszenierung öffnen sich keine Abgründe, gibt es keine Höhenflüge. Entstanden ist ein Theaterabend voller Mitgefühl und Einverständnis zwischen Bühne und Publikum. Alles in allem eine gelungene Inszenierung – doch ohne all zuviel Nachhall.

 

„Gift“ von Lot Vekemans, Deutsches Theater, Berlin,

Regie: Christian Schwochow, mit Dagmar Manzel und Ulrich Matthes

 

 

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